Neuheit von HAI: NNS Ambe

#1 von Karl , 14.07.2015 17:56

Im August wird von HAI unter anderen ein Modell des nigerianischen Landungsschiffes NNS Ambe erscheinen. Da dieses Modell sicherlich ungewöhnlich ist, anbei mal wieder ein längerer Bericht von mir.

Viele Grüße

Karl

Nigerianisches Landungsschiff NNS Ambe

Planung der Klasse 502:
Beim Aufbau der Deutschen Bundesmarine wurden zum Aufbau eines Landungsgeschwaders unter anderem vier Landungsschiffe vom amerikanischen Typ LSM (Landing Ship Medium) als Eidechse-Klasse (Klasse 550) in Dienst gestellt. Diese Schiffe wurden in den USA während des zweiten Weltkrieges gebaut, nach dem Krieg in den Reservestatus versetzt und in den späten 50er Jahren an die Bundesrepublik angegeben. Vor der Indienststellung und während der Dienstzeit mehrfach modernisiert, zeigte sich doch in den späten 60er Jahren die Notwendigkeit von Ersatzbeschaffungen.



Abb. 1: Landungsschiff Eidechse (S 43) der Klasse 550

Zur Erarbeitung eines Entwurfes wurde die MTG (Marinetechnik Planungsgesellschaft mbH) beauftragt. Die MTG wurde 1966 als Kompetenzzentrum für maritime Fragen gegründet und erarbeitet, damals wie heute, interdisziplinär Lösungen für marinetechnische Anforderungen. Natürlich für die Deutsche Bundesmarine, aber auch firmenunabhängig für Marineexporte und andere schiffstechnische Fragen. Als Ergebnis dieses Auftrags entstanden die ebenfalls als LSM klassifizierten Landungsboote der Klasse 502: Mit einer Länge von 77 m (ü.A.) und einer Breite von 14 m hätten diese Schiffe eine Einsatzverdrängung von 1.400 ts gehabt. Zwei MAN Diesel mit je 3.000 PS hätten eine Fahrt von 18 kn ermöglicht.

Als Aufgaben wurden allgemeine Transporte von Truppen, Gütern und Fahrzeugen zwischen Häfen, Transportschiffen und Stränden definiert. Die Landungsboote hätten ein durchgehendes Ladedeck gehabt, welche von einer sog. Rialto-Brücke überspannt gewesen wäre. Mit je einer Bug- und Heckrampe ausgestattet hätten Rad- und Kettenfahrzeuge an offenen Stränden angelandet werden können. Eine Beladung von bis zu 400 to einschließlich 106 Soldaten wäre möglich gewesen. Zur Selbstverteidigung sollten zwei 40 mm L/70 Flakgeschütze in Einzellafetten mit je einem Startrahmen für das britische Seacat Flugabwehrlenkwaffensystem eingebaut werden.

In den frühen 70er Jahren zeigte sich jedoch, dass eine Beschaffung aus finanziellen Gründen nicht möglich war, das Projekt wurde aufgegeben. Der Bundesmarine verblieben nur die weitaus kleineren Landungsboote der Barbe-Klasse (Klasse 520).



Abb. 2: Landungsboot Flunder (ALK 205) der Klasse 520

Dennoch stand hiermit der Plan für ein modernes Landungsboot der LSM-Klasse zur Verfügung. In Zusammenarbeit zwischen der MTG und HDW wurde der Entwurf zum Typ RoRo 1300 für den Export weiterentwickelt.

Umfangreicher Aufbau der nigerianischen Marine:
Nach Beendigung diverser Unruhen, als fürchterlichstes Bespiel sei der Biafra-Krieg 1970 genannt, entstand Mitte der 70er Jahre in Nigeria die Phase relativer politischer Ruhe und Stabilität. Gleichzeitig erlebte die Wirtschaft durch die Förderung und den Export von Erdöl einen Boom. Mit dem Geld wurden neben erheblichen Investitionen im zivilen Bereich auch die Streitkräfte modernisiert und neu ausgestattet.
Im Jahre 1970 bestand die nigerianische Marine noch aus einer in den 60er Jahren und mit veralteter Technik ausgestatteter Fregatte, die auch als Staatsjacht verwendet wurde, sowie diversen aus dem zweiten Weltkrieg oder den 50er Jahren stammenden kleineren Einheiten. Dann begann eine umfangreiche Modernisierung und Vergrößerung. In den 70er und 80er Jahren wurden für die nigerianische Marine allein an Kampfschiffen beschafft:

Bis 1972 zwei Korvetten vom britischen Typ Vosper Mk. 3: Kleine Schiffe von ca. 650 ts, allerdings mit einer starken Rohrbewaffnung ausgestattet.
Bis 1979 zwei Korvetten vom britischen Typ Vosper Mk. 9: Mit ca. 850 ts größer als die Mk. 3 Korvetten und weitaus besser ausgerüstet: Neben einer zeitgemäßen Radarausrüstung gehörten zur Bewaffnung u. a. ein 76 mm OTO Geschütz, ein Bofors U-Jagdwerfer und ein Seacat Flugabwehrsystem. Außerdem noch zwei Landungsboote vom deutschen Typ RoRo 1300.
Bis 1981 wurde mit der Fregatte NNS Aradu das bis heute noch größte Schiff (und Flaggschiff) der nigerianischen Marine beschafft. Die Fregatte ist vom deutschen Typ MEKO 360. Nigeria war damit der Launch-Customer der MEKO Familie, die heute in diversen Varianten in 10 Ländern im Dienst steht bzw. in Dienst gestellt wird. Karl Otto Sadler beschreibt in einem Buch "Ein Leben für den Marineschiffbau" sehr schön das Ringen um den Auftrag: Vosper Thornycroft, der damals führende Exporteur für Fregatten und Korvetten hatte schon je zwei Schiffe der Klassen Mk. 3 und Mk. 9 an Nigeria verkauft, kurz vorher hatte Blohm + Voss einen Auftrag über sechs Fregatten für Brasilien an Vosper Thornycroft verloren. Mit diesem hart erarbeiteten Auftrag für Nigeria endete die Vormacht von Vosper Thornycroft, danach war Blohm + Voss mit ihrem MEKO-Konzept der führende Exporteur für Fregatten.



Abb 3: Fregatte INN Aradu (BI-K 7) vom Typ MEKO 360

Weiterhin bis 1981 drei Schnellboote vom deutschen Typ Lürssen FPB 57, mit Otomat Lenkwaffen ausgestattet sowie drei vom französischen Typ Combattante III, mit MM 38 Exocet Lenkwaffen ausgestattet.
Bis 1988 wurden noch zwei Minenjagdboote vom italienischen Typ Lerici in Dienst gestellt.

Damit hatte sich Nigeria die mit Abstand stärkste und modernste Marine Westafrikas beschafft.

Typ RoRo 1300 für die nigerianische Marine:
Im Rahmen der Weiterentwicklung des Entwurfs Landungsboot Klasse 502 zum Typ RoRo 1300 für die nigerianische Marine wurden diverse Änderungen vorgenommen. Insgesamt ist das Schiff länger (86,9 m statt 77 m Länge ü. A.), bei gleicher Breite. Die Verdrängung steigt dadurch auf 1.745 ts. Zwei MTU 16V 956 TB92 Diesel mit je 2.940 kW wirken auf jeweils zwei Wellen, ein eher ungewöhnliches Antriebskonzept. Dadurch wird eine Geschwindigkeit von bis zu 18 kn erreicht.



Abb. 4a + 4b: Ein Briefbeschwerer mit dem Typ RoRo1300 als Werbegeschenk von MTG und HDW

Die Bewaffnung besteht aus einer 40 mm/L70 Kanone in einem OTO Melara Turm sowie zwei 20 mm Kanonen von Oerlikon in Einzellafetten. Als Radar steht ein Decca 1226 Navigationsradar zur Verfügung.
Die Aufgaben sind dieselben wie bei der ursprünglichen Klasse 502. Als typische Beladungen werden genannt: 5 Kampfpanzer vom Typ T 54/55 oder 10 Mannschaftstransportwagen vom Typ BTR 60, jeweils mit begleitenden Soldaten, 350 voll ausgerüstete Soldaten oder, bei Evakuierungen, bis zu 1.000 Flüchtlinge. Die Höchstbeladung ist mit 460 to angegeben.
Die nigerianische Marine beschaffte zwei als LST (Landing Ship Tank) bezeichnete Schiffe: LST-1312 NNS Ambe und LST-1313 NNS Ofiom (NNS: Nigerian Navy Ship). Beide wurden bei HDW (Howaldswerke-Deutsche Werft) in Hamburg bebaut und 1979 ausgeliefert.

Natürlich ist es schwierig, Informationen über den Lebensweg eines afrikanischen Kriegsschiffs zu bekommen. Sicher ist, dass die NNS Ambe und ihr Schwesterschiff in den 80er und 90 Jahren mehrfach an Einsätzen der ECOMOG teilgenommen haben. Die ECOMOG war bis 1998 der militärische Teil der ECOWAS (Economic Community of West African States), ein im Jahre 1975 gegründeter Zusammenschluss westafrikanischer Staaten. Unter anderem wird über Einsätze während des Bürgerkrieges in Liberia berichtet (dabei auch Evakuierungseinsätze ziviler Flüchtlinge) sowie in Sierra Leone. 1997 soll es zu einer Verletzung der Hoheitsgewässer von Sierra Leone durch drei nigerianische Kriegsschiffe, darunter der NNS Ambe gekommen sein.

In der Zeit der Militärdiktatur in Nigeria ab den frühen 80er Jahren ebbte der wirtschaftliche Aufschwung Nigerias merklich ab. Statt der benötigten Ruhe entstand politische Instabilität, Korruption und Vetternwirtschaft. Dieses hatte natürlich auch Auswirkungen auf die Streitkräfte: Insbesondere litt die zum Betrieb der modernen Waffensysteme benötigte Wartung der Systeme und die Ausbildung des Personals mit allen daraus resultierenden Folgen für die Zuverlässigkeit. So wurde mehrfach von Problemen mit den Rampen berichtet, eine Quelle schreibt, diese wären zugeschweißt worden, wodurch ein Anladen von Fahrzeugen und Truppen an unbefestigten Stränden unmöglich wurde. Weiterhin wird von diversen Bränden an Bord beider Schiffe berichtet. NNS Ofiom soll bei einem gescheiterten Landungsversuch schwer beschädigt worden sein. Zwischenzeitlich sollen beide Schiffe (wie der Großteil der nigerianischen Marine) nicht mehr einsatzbereit gewesen sein. Es wurden mehrere Versuche zur Reparatur und Wiederinstandsetzung der Schiffe unternommen, teilweise allerdings aufgrund organisatorischer und finanzieller Probleme nicht zuende gebracht. Erst in den frühen 2000er Jahren wurden wieder Versuche unternommen, die der nigerianischen Marine verbleibenden Einheiten wieder einsatzfähig zu machen. Aktuell scheint es so zu sein, dass die NNS Ofiom definitiv nicht mehr zu retten war, die NNS Ambe allerdings wieder instand gesetzt werden konnte. Sie ist bei Google Earth unter 6°25'29.30''N 3°24'22.28''O im Hafen von Lagos neben der Fregatte NNS Aradu zu erkennen (Google Maps User bitte nicht wundern, das dort abgebildete Foto zeigt nur die NNS Aradu und nicht auch die NNS Ambe).

Die Modellauswahl:
O.K., das Modell ersteht nicht so ganz ohne Grund sondern auf Wunsch eines Sammlers. Als Jugendlicher sind mein Vater und ich regelmäßig zu Hafenstädten gefahren. Von ihm habe ich auch meine Begeisterung zu Schiffen und auf einer der Reisen habe ich (bei WEDE im Hanseviertel in Hamburg) auch zum ersten Mal 1:1250 Modelle gesehen. Im Jahre 1979 habe ich bei der Reise zur Operarion Sail in Kiel die NNS Ambe dort während der Abnahmefahrten im Hafen liegend gesehen. Zuhause natürlich erst mal in meinem ersten Weyer nachgeschaut, was das denn für ein Schiff war. Später war ich doch recht erstaunt, als ich im Buch "Die Schiffe und Fahrzeuge der Deutschen Bundesmarine 1956 - 1976" im Kapitel "Projekte und Planungen" ein gleich aussehendes Schiff gefunden hatte. Internet für weitere Recherchen gab es noch nicht, daher ruhte das Thema erst einmal. Wie ich vor einigen Jahren wieder darauf kam, habe ich erst einmal HDW mit der Bitte um Überlassung von Plänen angeschrieben. Dort war man sehr nett, die Pläne sind leider bei einem Hochwasser zerstört worden, man hat mir allerdings einige großformatige Fotos von den Abnahmefahrten überlassen. Die 1979 selbst gemachten Fotos (mit eine DM 4,95 -Kamera und Foto-Porst Farbfilmen) sind leider völlig verblichen. Dann war die Frage, wer baut das Modell. Herr Krtina hat, ich glaube nicht zum ersten Mal, das Projekt übernommen. Wirklich vielen Dank dafür!

Natürlich stellt sich die Frage, ist ein nigerianisches Landungsboot in der Tat das Modell, auf das wir Sammler gewartet haben? Ich denke mal ja. Wir reden hier nicht „nur“ über ein x-beliebiges Schiff einer weit entfernten Marine. Wir reden hier von einer Variante eines ursprünglich für die Deutsche Bundesmarine gedachten Konzeptes. Allein das ist schon für jeden Sammler von Schiffen der Bundesmarine ein Grund für dieses Modell. Weiterhin reden wir über ein Schiff, welches der erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen der MTG und der HDW entstand, einer Zusammenarbeit, aus der auch die Fregatten vom Typ FS 1500 hervorgingen, von welcher vier Schiffe nach Kolumbien und zwei nach Malaysia exportiert werden konnten.



Abb. 5: Fregatte Almirante Padilla (ADS 2) vom Typ FS 1500

Und, auch das sollte nicht vergessen werden, wir reden hier von den größten jemals in Deutschland gebauten Landungsschiffen. Und, auch wenn die Schiffe beim 2. Landungsgeschwader wahrscheinlich in Wilhelmhafen stationiert gewesen sein dürften, der vorgesehene "Einsatzort" wäre sicherlich nicht in der Nordsee gewesen. So bedrückend die Vorstellung ist: Der nun auch in dreidimensional als Modell mögliche rein technische Vergleich mit den etwa zur gleichen Zeit und für den gleichen Zweck im gleichen Einsatzort für die Marine der NVA entworfenen Landungsschiffe der Frosch I-Klasse dürfte durchaus interessant sein.

Herr Krtina hat mir schon einige Fotos vom Urmodell geschickt, ich bin gespannt, wir das fertige Modell aussehen wird. Die Beschaffung von Unterlagen stellte wie gesagt schon ein Problem dar: Die einzige mir bekannte Risszeichnung ist aus dem Weyer (die ist allerdings meiner Meinung nach durchaus brauchbar), in den mir bekannten Jane’s sind nur Fotos enthalten. Das Internet bietet trotz umfangreicher Recherchen auch nur wenig Brauchbares, in weiteren Fachbüchern habe ich auch nichts gefunden. Ich denke aber, mit der Zeichnung aus dem Weyer und den Bildern von HDW dürfte eine gute Datenbasis zur Verfügung stehen.



Abb. 6a - 6d: Das Urmodell der NNS Ambe

Das Modell soll im August erscheinen, weiteres dazu, wenn ich eins habe.


 
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RE: Neuheit von HAI: NNS Ambe

#2 von JoBo , 17.09.2015 09:32

Ganz herzlichen Dank für diesen interessanten und informativen Artikel, das ist ja schon wie bei unserem geliebten Hamburger Rundbrief! Ich habe das Modell bei meinem gestrigen Besuch bei der Galerie Maritim erworben und bin begeistert von der Miniatur.
Herzlichen Dank auch an Herrn Kritina, dass Modell gehört zur Entwicklung des modernen deutschen Marineschiffbaus. Ich freue mich schon auf weitere Informationen zum Modell, auf den ersten Blick sind keine Beanstandungen sichtbar!



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RE: Neuheit von HAI: NNS Ambe

#3 von proflutz , 17.09.2015 18:13



 
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RE: Neuheit von HAI: NNS Ambe

#4 von Karl , 15.10.2015 08:18

... O.K., jetzt hab auch ich die NNS Ambe bekommen. Da mich das Original 1979 erstmalig gesehen habe und mich dieser Typ seit langem interessiert: Schon schön, das Modell jetzt vor sich stehen zu haben!

Und schön ist sie geworden: Hab sie eben durchgemessen, das passt sowohl in den Abmessungen als auch in den Abständen der einzelnen Teile der Aufbauten. Hervorragender Gesamteindruck, sauber gebaut und gegossen (wie vorher im HR schon erwähnt bin ich kein Detail-Experte und kein "Nitpicker", aber ein schön und sauber gebautes Modell kann auch ich erkennen).



Abb. 1 und 2: Das Modell neben einem Scan aus dem Weyer



Abb. 3 und 4: Weitere Fotos vom Modell

Das Modell hält den Vergleich mit den Bildern von HDW problemlos stand (möchte ich hier nicht hochladen, nicht das sich irgendein Urheberrechs-Rettungs-Berufener interessant machen möchte. Bei Interesse bitte kurze PM). Das Vorbild hat ja so seine Tücken, insbesondere das seitlich und hinten offene "Sonnendeck" hinter der Brücke, nur mit einer Metallabdeckung versehen. Wie ich meine, hier glänzend gelöst: Der offene Bereich ist als solcher erkennbar und vorbildgetreu, dennoch sehe ich hier keine (sicherlich kostentreibende) Zusatzteile. Was mir hier gefällt sind die kleinen Details wie die Vielzahl von Rettungsinseln, auch die 40 mm/L70 und sogar die 20 mm Oerlikons sind klar und als solche erkennbar wiedergegeben. O.K., die Plattform der L70 geht nach mehrminütiger Betrachtung mit der Lupe im Original etwas weiter noch nach innenbords, und die Bugrampe hätte ein Grad steiler sein können. Jetzt befinden wir uns aber auch im Bereich von Nickeligkeiten, aus denen ich mich raushalte. Einziger Kritikpunkt von meiner Seite: Die NNS Ambe liegt für ein unbeladenes Schiff eine Spur zu tief im Wasser. Wobei sich mir spontan die Frage stellt, wo bekomme ich T 55s und BTR 60s in unserem Maßstab? Bedford-LKWs habe ich glaube ich von Moundford Miniatures. Mit etwas Beladung auf dem offenen Fahrzeugdeck wäre der größere Tiefgang ausgeglichen.

Insgesamt ein im Gesamteindruck und in der Detaillierung wunderschönes Modell, noch dazu eines derart interessanten Vorbilds!

Kommen wir nun zu einigen technischen und historischen Betrachtungen. Die Ambe gehört zu den Landungsschiffen mit "beaching capacity", also der Möglichkeit, Fahrzeuge direkt an den Strand anzulanden.

Natürlich gab es im zweiten Weltkrieg schon LSDs (Landing Ship Dock), aus denen dann mit sehr kleinen Landungsbooten (LCI = Landing Craft Infanterie, LCU = Landing Craft Utility oder LCT = Landing Craft Tank) die Streitkräfte an die Küste gebracht wurden. Der Vorteil liegt auf der Hand, die großen und damit "wertvolleren" Schiffe mussten oft nicht in den direkten Bereich feindlichen Feuers eindringen.

Nachteile der LPDs gibt es allerdings auch: Mit den Landungsbooten können jeweils nur geringe Mengen an Truppen und Material angelandet werden. Der Hauptteil der amphibischen Operationen im zweiten Weltkrieg, insbesondere im pazifischen Raum, basierten daher auf den LST (Landing ship Tank) und LSM (Landing Ship Medium). Diese Schiffe hatten eine Größe, um (zur Not) ozeanische Entfernungen überwinden zu können, konnten gleichzeitig aber direkt große Mengen an Truppen und Material am Strand anzulanden. Die NNS Ambe ist von Ihrer Größe her im Bereich irgendwo zwischen einem LST und LSM einzuordnen, ursprünglich für die Deutsche Bundesmarine (Klasse 502) als LSM entworfen, in Nigeria (Typ RoRo 1300) als LST klassifiziert.


Abb. 5: Direkter Vergleich: LSM: Eidechse (S 43), LST: USS Dodge County (TA 10038) und die NNS Ambe (HAI 839)

Nach dem zweiten Weltkrieg ging die Entwicklung von LSTs weiter, es entstanden größere Schiffe mit "beaching capacity" für den weltweiten Einsatz.


Abb. 6: Große nach dem 2. Weltkrieg gebaute LSTs: RFA Sir Lancelot (TA 10101), USS Newport (D 122), Ropucha (TA 10199)

Die Entwicklung der kleineren LSTs (zu groß, um auf andere Schiffe verladen zu werden, mittlerweile zu klein, um ozeanische Entfernungen zu überwinden) ist hingegen auf Einsatzräume im Randmeer oder für allgemeine Hilfsaufgaben begrenzt. Insbesondere in den 50er und frühen 60er Jahren verfügte eine große Anzahl von Marinen (wie auch die Deutsche Bundesmarine) über in den USA und Großbritannien ausgemusterten LSMs und LSTs. Etwa Anfang der 70er Jahre zeigten sich die Notwendigkeit von Ersatzbeschaffungen und damit erste Neuentwicklungen. An vergleichbaren Schiffen aus 70er Jahren wurden gebaut:

Typ: Ursprung: Baujahre: Verdrängung (Typ) [ts]: Länge [m]: Breite [m]:
Ambe: BRD 1978 - 1979 1450 86,9 14
Frosch I: DDR 1975 - 1979 1950 91 11
Ardennes: GB 1975 - 1978 870 72,4 14
BATRAL: F 1973 - 1983 750 80 13
Polnocny B: PL 1967 - ca. 1984 890 76,2 9,7
Yukan RC 1978 - 1995 1200 119 15,3


Abb. 7: LSTs aus den 70er Jahren: NNS Ambe (HAI 839), Frosch I (HAI 405), HMAV Ardennes (T 901), Champlain (SI 41), Polnocny (mod.) (TA 10096). Ein Modell der Yukan-Klasse ist m. W. n. nicht erschienen

Später wurden in der Größe recht wenig neue Schiffe dieses Typs gebaut, zu nennen wären die Kanat Beni Hammad Klasse, in Frankreich für Algerien gebaut; die Bessom -Klasse der US Army (hatte ich vor einigen Wochen in der Rubrik "Sammlerwünsche" angefragt) oder die chinesische Yuting II Klasse. Für ozeanische Entfernungen ging bei den großen Marinen der Trend hin zu den Landungsdockschiffen sowie Hubschrauberträger, kleinere Marinen beschränken sich weitgehend auf Landungsboote vom Typ LCU.


Abb. 8: Moderne LSDs weltweit: HMS Albion (ALK 304), HNLMS Rotterdam (ALK 67), Kunlun Shan (ALK 502)

Die NNS Ambe (als Nachfolgetyp der ursprünglich für die Bundesmarine geplanten Klasse 502) ist zusammen mit der etwa zeitgleich gebauten Frosch I Klasse das größte Schiff der Aufstellung, beide eben gebaut, um in einem konkreten Operationsgebiet schnell große Mengen an Truppen und Material an unbefestigten Stränden anlanden zu können. Die im damaligen Warschauer Pakt weit verbreiteten polnischen Polnocnys hatten dieselbe Aufgaben, waren aber kleiner. Die britische HMAV Ardennes und ihr Schwesterschiff sowie die französischen BATRAL-Klasse waren eher unspezifisch für allgemeine Transportaufgaben weltweit entwickelt.

Was bei der (west)deutschen Entwicklung auffällt: Als einziges Schiff dieser Größe liegt die Brücke nicht achtern sondern liegt als Rialto Brücke mittschiffs, wodurch ein durchgehendes Fahrzeugdeck mit Bug- und Heckrampe möglich ist. Eine eindeutige Verbesserung im Bezug auf die Flexibilität der Klasse sowohl im Friedens- als auch im Konfliktfall.

Von den aufgeführten Schiffen verfügt nur die französische BATRAL Klasse über ein Hubschrauberlandedeck. Bei dieser Klasse ist es verständlich, da die Schiffe auch für allgemeine Transportaufgaben in Gebieten mit teilweise nur sehr schlechter Infrastruktur vorgesehen waren und sind.

Speziell bei den Schiffen des ehemaligen Warschauer Pakts sowie aus China fällt die recht starke Bewaffnung aus Kanonen und Raketenwerfern zur unmittelbaren Landungsunterstützung auf.

Soweit eine nur kurze Betrachtung des technischen und historischem Umfelds der NNS Ambe, ursprünglich für die Deutsche Bundesmarine entworfen, letztendlich mit zwei Einheiten nach Nigeria exportiert. Wie schon aus diversen Berichten im HR hervorgeht, stelle ich solche Betrachtungen gerne an. Insbesondere dann, wenn man diese an Modellen (und nicht nur an Bildern) der Vorbilder vor Augen hat!


 
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RE: Neuheit von HAI: NNS Ambe

#5 von proflutz , 15.10.2015 16:56

So schöne bautechnische Vergleiche und Entwicklungen kann man nur in "unserem" Maßstab anschaulich nebeneinander stehend anstellen!



 
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